Wie jedes JahrIch werde nun – leicht subjektiv angehaucht – über den Ostsprachen-Redewettbewerb, und im Speziellen über denselben in Russisch, berichten.
Wie jedes Jahr fielen die obligatorischen Tropfen vom Himmel, als sich meine Mutter – weithin sichtbar in orangener Regenjacke – mit einer Schar mehr oder weniger nasser Jugendlicher unter viel zu wenige Regenschirme drängte, um den beschwerlichen Weg zum Wifi zu beschreiten. Wie jedes Jahr durchschritten wir den Friedhof, ohne viel zu reden, und ich war, wie jedes Jahr, besonders leise, hörte ich doch meine extra auf den MP3-Player gesprochene Rede in der Endlosschleife. Wie jedes Jahr war das Erste, das wir hörten, als wir die Eingangshalle betraten, das aufgeregte Klappern von Regenschirmen am Marmorboden des Instituts, das an diesem Tag eine Auslastung erfuhr wie selten zuvor. Wie jedes Jahr bekam die Sprache „Russisch“ wegen eben dieser offensichtlich vollkommenen Auslastung einen Lehrsaal der kleineren Sorte zugeteilt, den man nur mit ausgeprägtem Orientierungssinn erreichen und vor allem wieder finden konnte. Die Jury war gut besetzt, und wie jedes Jahr zahlreicher vertreten als die Teilnehmer, unter denen sich, wie jedes Jahr, eine gewisse Theodora Bauer befand. Wie jedes Jahr gab ebendiese ihre Rede zum Vortrag, nur um sich nachher von der Jury, als ob sie nicht verstanden worden wäre, befragen zu lassen. Das lag ihr nicht, sie war gewohnt, verstanden zu werden – aber so war das nun einmal mit Wettbewerben. Jedes Jahr. Wie jedes Jahr wartete man, und wartete, und wartete, und wusste, wie schon Kafka, nicht, worauf – man dachte sich allerdings auch nicht, dass man ausgerechnet auf DAS gewartet hatte. Ein gellender Pfiff zum Aufbruch, ignoriert von den nicht aufbrechenden Massen. Ein schrilles Warnsignal, das niemanden zum Nackenhaar-Aufstellen veranlasste, außer den Wachtmeister, der da sehr offiziell mit schnellen, unergonomischen Bewegungen sein Funkgerät durch die Luft führte. Der simple Begriff „fuchteln“ schien dem Ernst der Lage nicht angemessen. Sein Funkgerät bewegte sich in Kreisbahnen über seinen Kopf und wies mir den Weg in die Garderobe. „Sie können aber jetzt net die Jacke holn!“ Er hinderte mich nicht daran. Ich wich dem Funkgerät aus, und ließ mich – eingezwängt zwischen sich endlich doch träge bewegendem „Bejackten“ und „Unbejackten“ zur Drehtüre schieben. Just als ich den Fuß auf den harten Beton der Außenwelt setzen wollte, tönte es von irgendwo: „Alles hinein.“ Ich drehte noch eine Ehrenrunde und stand wieder in der Eingangshalle, wo ich – wie man sich vorstellen kann – ganz sicher nicht alleine war. Umzingelt von allerlei unlustigen Jackenträgern, die (mich inkludiert), alle auf einmal den schnellsten Weg zur Garderobe womöglich auch noch als erste beschreiten wollten, kamen mir erste Vermutungen bezüglich der Ursache dieser unvorhergesehenen Störung zu Ohren. Es hieß, eine brennende Tasche hätte das Feuer in Raum 205 ausgelöst. Man hätte wohl gerauchtund die Rauchmelder wären angesprungen. Es hätte natürlich auch sein können, dass ein Zigarettenstummel das Corpus Delicti zum Brennen gebracht hatte… Jeder wusste alles, und keiner wusste es genau. Über eines war man sich einig: Rauchen ist eben ungesund. Wie jedes Jahr kam ich letztendlich unter die ersten Drei, wobei es zugegebenermaßen schwer gewesen wäre, das nicht zu tun – bei nur zwei Teilnehmern. Wie jedes Jahr reichten mir einige höhere Funktionäre des öffentlichen Apparates die Hand, doch wussten sie dieses Jahr, wem sie die Hand schütteln. Ich hoffe nur, sie wissen es nächstes Jahr auch noch – und danach jedes Jahr. Theodora Bauer, 7.C |
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