Lese- und Musiknacht der Klasse 1H

Nur die wenigsten Menschen glauben wirklich an Geister. Dennoch kann es passieren, dass man dann und wann ganz zufällig und unerwartet Zeuge eines kleinen Spuks wird. Hielt man sich etwa in der Nacht vom 5. auf 6. November in der Nähe des Gymnasiums Kurzwiese auf, konnte man leicht dem einen oder anderen Gespenst begegnen, einem freundlichen und fleißigen Gespenst wohlgemerkt.
Vierundzwanzig Schülerinnen und Schüler der Klasse 1H veranstalteten in dieser Nacht gemeinsam mit ihrer Musikprofessorin  Sabrina Rasztovits und ihrer Deutschprofessorin Sanja Abramović eine Lese- und Musiknacht.
Erhaschte man einen Blick in das hell erleuchtete Klassenzimmer, bot sich dem zufälligen Beobachter ein ungewöhnlicher Anblick. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern traf sich mitten in der Nacht in der Schule, um drei Stunden lang aufmerksam zu lesen und gruselig-lustige Gespenstergeschichten selbst zu verfassen.
Wussten Sie etwa, dass es ganz konkrete Regeln für Schulgespenster aller Art gibt (etwa: „Essen Sie viele Mädchen, sie sind gut verdaulich“ oder „Wenn Sie Zahlen nicht aushalten, essen Sie Mathe-Lehrer!“ und viele andere) oder dass das Schulgespenst der Kurzwiese Eisenstadt Karibuß heißt und eine Gefährtin sucht, die sein „schönes und nettes Zuhause“ mit ihm teilt.
Wenn sich nachts Gespenster treffen, sind sie glücklich, weil sie keine Turmuhr-Reparaturen bezahlen müssen. Auch böse Vampirmädchen werden ganz sanft, vorausgesetzt man spielt „Black Pita“ mit ihnen und malt ihnen schwarze Punkte auf die Stirn. Während sich die Trauerweide im Park in die schöne und kluge Julia verwandelt, spukt das Monster Frank Totenstein im Garten, seine Mahlzeiten nimmt er aber doch lieber im Keller zu sich.

Anschließend fand man sich zum „Geistertanz“ ein, wobei man sagen muss, dass moderne Gespenster dem schaurigen Geisterwalzer einen lässigen Line-Dance vorziehen. Rastlose tanzten und sangen im Anschluss an diesen zu Christina Stürmer und führten eigens kreierte Tänze zur Musik aus „High School Musical“ auf. Auch die Professorinnen mussten hierbei ihr Geschick unter Beweis stellen, was sich für die Musikprofessorin als wesentlich leichtere Aufgabe als für die Klassenvorständin der Klasse 1H erwies. Mehrmals wurde nämlich ihr mangelndes Tanz- und Gesangstalent bekrittelt. Für die nächste Geisterstunde muss sie wohl noch etwas üben. Apropos Geisterstunde. Pünktlich um Mitternacht ging das Licht aus. Nur von flackernden Taschenlampen erhellte Gesichter lasen mit gedämpfter Stimme Geistergeschichten (sowohl fremde als auch selbstverfasste) vor, so lange, bis letztendlich auch die Ruhelosesten ihren Schlaf fanden. Und während in späten Nachtstunden Schlafsack an Schlafsack gereiht lag, Mondlicht zwischen die Sprossen der Sprossenwand in den Gymnastiksaal sickerte, wähnte man sich in trügerischem Frieden, denn so manches schlafwandelnde Gespenst konnte plötzlich hinter einem stehen.
Spätestens beim gemeinsamen Frühstück wurde jeder, der in dieser Nacht erschreckt wurde, unruhig schlief oder sein Unwesen im Hause trieb, versöhnt. Unheimlich am Morgen danach war höchstens wie schnell die frischen Semmeln verschwanden, die gingen weg – wie frische Semmeln eben.

Sanja Abramović