Wien-Tag der 8b, der Wahlpflichtfachgruppe "Geographie" der 8. Klassen, und der Wahlpflichtfachgruppe "Geschichte" der 7. Klassen (14.12.06)

Ich habe meine Meinung über die Wiener revidiert. Sie sind sportlich. Ob man es glaubt oder nicht – bei dieser Menge an Stiegen müssen sie es wohl sein. Schon gleich nach der Ankunft setzten wir zum ersten „Hatscher“, zur Albertina, an – das Haus selbst war eine einzige Stiege. Dennoch fanden wir die Kraft, Picassos eigenartige Kinderzeichnungen zu betrachten. „So habe ich das noch nicht gesehen“ wäre wohl die treffendste Beschreibung. Andy Warhols Werke waren eher sparsam auf den Wänden verteilt, dafür war eine davon so wunderschön lila angemalt, dass sie allen Mangel an Bildern wieder wett machte. Sobald die Gruppenführerin aus ca. zwei Meter Entfernung durch ihr Headset das Ende der Tour direkt in unsere mit ziemlich unnötigen Kopfhörern bestückten Ohren verkündet hatte, rissen alle ihre Jacken an sich und flüchteten nach draußen, um sich vor einem drohenden Hitzeschlag zu retten.

Da ich kein besonderes Orientierungstalent habe, verfolgte ich Herrn Professor Rojacz und Frau Professor Beck unauffällig, was mit einem Besuch in einer Pizzeria und einer Privatführung durch die Haupt-Uni endete. Ich muss schon sagen, die Alma Mater hätte ich mir aufregender vorgestellt, mit Engelschören, die sachte vom Himmel herabschweben, um den Hort des Wissens zu preisen – stattdessen glaubte ich, ich wäre in einer der zahlreichen U-Bahn–Stationen gelandet; viel Unterschied zwischen dem Hintereingang der Uni und dem Eingang zum öffentlichen Verkehrsmittel bestand leider nicht. Dafür war der Wiedererkennungswert des Vorderteiles der Uni umso höher, als sich die Anzahl der Stiegen ins Unermessliche steigerte und – vor allem – keine Rolltreppe vorhanden war.

Nach diesem eher frustrierenden Besuch kam das Parlament dran – das wirkliche „Objekt der Begierde“ an diesem Tag. Ich hatte mich schon sehr lange wirklich wahnsinnig auf die Sitzung gefreut, und fand es im Nachhinein schade, dass wir nur verhältnismäßig kurz verweilen durften. Allerdings sollten wir uns freuen, dass wir überhaupt hinein durften, da der Besuchereingang eher wie eine hoch gesicherte Flughafenkontrollstelle als der Eingang zum Hintereingang des Hohen Hauses aussah.

Ganz den Wiener Gegebenheiten folgend, empfing uns das Parlament mit einer unüberschaubaren Anzahl Stiegen. Irgendwann waren wir oben, dann waren wir „obener“ – und schließlich waren wir da: Der Saal. Die Galerie mit den mörderischen Sesseln, die mit einem Kanonenschuss zuklappten, sobald man es auch nur wagte, sich ein wenig über die Büste hinauszulehnen, um sich die Nationalratssitzung aus der Vogelperspektive anzusehen – man blieb sitzen, hörte zu. Die Politiker lärmten unten und stritten sich um die Umwelt und die sie bedrohenden 160er-Zonen, bliesen sich auf zum Thema Lärmbeschränkungen, und drehten sich dabei – soweit ich sehen konnte – gewichtig in ihren Sesseln. Aber sie wurden für mich fast nebensächlich, als Herbert Lackner vom Profil den Saal via Pressegalerie einen Stock tiefer betrat. Was tat man so als echter Profi-Journalist im Parlament? Man gähnte, man griff sich an den Kopf, man las Zeitung – es sei ihm gestattet. Der Mann wusste entweder genauso gut wie die Politiker, was er hier tat – oder eben genau so wenig.

Die Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen unter mir zuwendend, bemerkte ich eine erhöhte Lärmentwicklung in den Reihen der Volksvertreter. Ein Rumoren hatte sich erhoben – wider den grün bejoppten Herren am Rednerpult, der die Interessen des Dritten Lagers in bestem Führerdeutsch vorbrachte und mit abgehackten Gesten die Reise der Kartoffel quer durch Europa zu illustrieren wusste. Ihn hatten sie – so munkelte man in der Wahlpflichtfachgruppe GSK – wohl hier vergessen. Nach längerer Zeit des Argumentierens, des echauffierten Retournierens, und des wiederum unwiderlegbaren Beweises für die Fälschlichkeit der Aussagen der Kollegin da drüben, konnten wir uns leider nicht mehr dem Bedauern über das absolute Unverständnis des sehr geehrten Herrn Nationalratsabgeordneten widmen – denn die Stiegen riefen und die lang ersehnte Führung folgte. Den frisch renovierten Eingangsbereich über – wie hätte es auch anders sein können – Stiegen betretend, wurden wir von einer ehemaligen Schülerin des Herrn Professor Rojacz empfangen, die die ehrenvolle Aufgabe übernahm, uns den Sitz des Staates zu zeigen. Rote Teppiche auf den Marmorböden, Gold-Einlege-Arbeiten an der Decke – kein Wunder, dass da manche Leute kapriziös werden. Obwohl wir einigen wichtigen Funktionären beim kühnen Ausschreiten auf den Gängen zusehen durften, muss ich sagen – das Haus war nicht gerade überfüllt. Trotzdem bestand ein gewisser Nervenkitzel, wenn man um die Ecke bog – man hat ja schließlich nicht jeden Tag die Gelegenheit, einen Bundesminister nieder zu rennen. Zu meinem Verdruss bot diese sich mir nicht.

Auf dem Weg zum Reichsratssitzungssaal kamen wir an einigen Spiegeltüren vorbei – man wollte im Hohen Haus offensichtlich nicht so etwas Liederliches wie Wegweiser zum WC installieren, also montierte man einfach Spiegel an die Türen. Das hatte wahrscheinlich zur Folge, dass die Rate der offen gelassenen Hosentore im Parlament rapide gesunken ist.

Der Weg zum Reichsrats-Sitzungssaal verlief über erstaunlich viele, interessante Umwege – fast wie in einem Labyrinth; obwohl die Distanzen im Hohen Haus an und für sich ja nicht gerade überwältigend sind: stünde man in der Säulenhalle und öffnete man alle Türen zu beiden Querseiten, so könnte man vom Nationalrats- direkt in den gegenüberliegenden Reichsrats-Sitzungssaal sehen. Letzterer war eine Augenweide – ich verliebte mich sofort in ihn. Er hat einen Hauch von alten Entscheidungen um sich, eine antike politische Aura – es lagen sogar noch die Wachstäfelchen der schon lange verstorbenen Abgeordneten auf ihren korrekten Plätzen. Der Reichsrats-Sitzungssaal ist so viel schöner als der Nationalrat; man kann diese beiden Säle eigentlich nicht unentschuldigt miteinander vergleichen. Wo im Nationalrats-Sitzungssaal ein speigrüner Teppichboden das Gesamtbild ungeheuer positiv beeinflusst, herrschen im Reichsrats-Sitzungssaal dezente Holztäfelungen vor – manche Wände zieren Statuetten bedeutender Männer, die es wahrscheinlich bei dem jetzigen politischen Klima nicht lange im Nationalratssaal ausgehalten hätten. Im Großen und Ganzen finde ich es zutiefst schade, dass wir den Saal nicht abgekoppelt von seiner Symbolhaftigkeit betrachten können – ich weiß zwar, dass es nicht möglich wäre, eine demokratische Legislative in einen Saal mit dem „Kaiser Franz Joseph“ – Logo zu verfrachten, aber besser aussehen würde es allemal. Dann hätte der parlamentarische Irrsinn wenigstens einen stilvollen Rahmen.

Der Bundesratssaal war leider – weil eben eine Nationalratssitzung stattfand – abgesperrt. Diese Maßnahme wurde wegen der Verschmutzung des Bundesratssaales durch die Besucher beschlossen – sie treten an Tagen mit Nationalratssitzungen vermehrt auf, und da man aus Erfahrung weiß: Wo Mensch, da Plastiksackerl, weiß man auch, wie man dieses Problem beheben kann: man schließt ab. Diese Methode schien gut funktioniert zu haben – ich sah weit und breit keine Alufolienbällchen, kein vergessenes Wurstrad am Boden. Vielleicht waren hier die Putzfrauen besonders ambitioniert – es könnt ja der Herr Abgeordnete drauf ausrutschen, und das „wollma“ nicht.

So gesehen wundert mich die Reinlichkeit.

Wie alles ein Ende nehmen muss, so musste es auch dieser Besuch – um uns den Abschied vom Heiligtum eines jeden Österreichers zu erleichtern, war ein Besuch des Weihnachtsmarktes am Rathhausplatz eingeplant. Er schien den anderen besser zu gefallen als mir. Dieses ganze Brimborium war mir widerlich – den Weihnachtsmarkt im Allgemeinen sehe ich als Umschlagplatz für Weihnachtsengel, Strohsterne und Zuckerstangen, mit einem Wort: für die käufliche Illusion vom Nichtkäuflichen. Und so etwas ist nichts für mich. Meinetwegen waschechter Kapitalismus, offen zur Schau getragen, oder eben echte Besinnlichkeit – aber kein geheuchelter Traditionalismus, der niemandem das Herz erwärmt (dazu gibt es ja schließlich den Glühwein um 2 Euro 50), und schon gar nicht dem, der eigentlich Geburtstag hat.

Doch er hat (schon über 2000-mal) Weihnachten ganz gut überstanden, und auch ich bin – im Nachhinein besehen – sehr gut über die Runden gekommen; sogar mit ein wenig familiärer Harmonie und netten kapitalistischen  Geschenken. Alles in allem hoffe ich, das Weihnachten nächstes Jahr für mich auch wieder so gut ausgeht – wenn ich nur die Weihnachtsmärkte auslassen kann.