Wie ein Mensch zu einer Spielfigur wird

Als 1872 der Engländer Eadweard Muybridge erstmals mit seinen komplexen, aus 36 sukzessive auslösenden Fotoapparaten bestehenden Aufbauten die Serienfotografie begründete, wusste er nicht, was für Auswirkungen dies noch im 21. Jahrhundert haben würde.
Seine Aufnahmen ergaben zu seiner Zeit bereits Außergewöhnliches. So stellte man zum Bespiel fest, dass sich bei einem trabenden Pferd zeitweise alle vier Beine in der Luft befinden. 
Um diese Erkenntnis zu gewinnen, brachte er mehrere Fotoapparate nebeneinander in Position, befestigte an deren Auslösern eine Schnur, sodass es ihm einfach sein würde das Foto zu schießen. Er wartete auf sein Motiv und sobald es vor der Linse war, rannte er neben den Fotoapparaten entlang und die Schnur, die er in der Hand hielt, aktivierte nacheinander die Auslöser, wodurch er die Bewegungen seines Motives auf den Bildern für jeweils nur wenige Sekunden verschoben betrachten konnte.
Diese Bilder musste er nur in Form eines Daumenkinos betrachten und schon konnte man das Motiv in flüssigen Bewegungen betrachten.

Heute geht dies kaum noch so von statten, sondern die Technik wurde im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt. Die damalige Technik wird nun motion capturing genannt und ist auch um einiges fortgeschrittener als damals.
Man werfe nur ein Auge auf das Studio von metricminds in Frankfurt. Dort wurden die Bewegungen eines menschlichen Doubles auf den Hexer Gerald, Hauptfigur von The Witcher, übertragen.

Am Anfang steht immer ein Mensch in schwarz, beklebt mit weißen Punkten, den so genannten Markern. Dass man einen Menschen nicht einfach in ganz normaler Kleidung aufnimmt, liegt daran, dass er im hautengen schwarzen Anzug mit Markern eindeutig visualisierbar ist. Dann erst lassen sich Bewegungen genau erfassen und später analysieren. Mit diesem beschriebenen hautengen Anzug, mit den weißen Markerkugeln, die an den wichtigsten Punkten sitzen: Gelenke, Kopf, Füße, Hände, kann dann auch schon die Arbeit beginnen.
Fehlen nur mehr die Kameras.
Im Einsatz sind 32 Kameras, die im Infrarotbereich arbeiten. Diese werden um den Mann im schwarzen Anzug justiert, sodass alle Bewegungen aus jedem Winkel betrachtet werden können. Die so entstandenen realistisch animierten Basis-Modelle können die Entwickler am Computer später komfortabel weiterbearbeiten.
Am Set wird eine komplette Liste an Bewegungsabläufen abgearbeitet, was nur wenige Stunden in Kauf nimmt. Das weiß auch Philip Weiss, Chef von Metricminds: „Es geht alles schneller, wenn man zwei Tage hier dreht, als alles von Hand zu animieren. Im Schnitt spart man da bis zu zwei Drittel der eigentlich dafür benötigten Zeit.“ Und Zeit ist eben Geld.
Was die Technik anbelangt, ist diese auch noch nicht voll ausgereift. Die Technologie ist praktisch und noch lange nicht am Ende der Entwicklung. „Ich glaube, es wird damit anfangen, dass man keine Marker mehr braucht und am Ende hat man vielleicht ein kleines Kästchen zu Hause auf dem Fernseher, mit dem man einfach alles aufzeichnen kann.“, ist die Meinung von Philip Weiss Im Moment sind es noch vorwiegend Actionspiele, wo Motion Capturing eingesetzt wird. Die Technik und die Einsatzgebiete entwickeln sich aber weiter. Neben Spielen wird sie vermehrt auch für Filme eingesetzt.
In jedem Fall werden wir sicher noch etwas hören von motion capturing. Lassen wir uns überraschen.

Arnold Reichl