Wie helfen?

Noch nie stand so viel Geld für den Kampf gegen Krankheiten in Entwicklungsländern zur Verfügung. Damit kann man ganze Gesundheitssysteme kurieren – oder ruinieren.

An einem sonnigen Tag will der Arzt, Anthropologe und Menschenrechtler Kim die Welt retten. Er steht im dritten Stock eines Backsteingebäudes nahe der Harvard University. Immer mehr Gäste drängen in den Konferrenzraum der Harvard Initiative on Gloal Health (HIGH). Nicht alle finden einen Platz. Nahezu die gesamte Entwiklungshilfe-Elite Harvards findet sich ein. Und die will Kim auf seine Seite ziehen. Er weiß, dass der Kampf für die Weltgesundheit nur gemeinsam gewonnen werden kann.
Es gibt einen guten Grund, weshalb der Vortrag zu diesem Zeitpunkt stattfindet:
Jahrzehntelang verstanden die reichen Geberländer unter Entwicklungshilfe vor allem geostrategisches Investment. Seit der Jahrtausendwende aber haben die UN, die Weltbank, Regierungen und reiche Privatspender ihr Herz auch für Aids-und Malariatherapien, für Massenimpfung und Krankheitsvorsorgen entdeckt. Die Bill & Melinda Gates Foundation investiert jedes Jahr über eine Milliarde Dollar; ebenso viel geben die Weltbank und der Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria; und George W. Bush President´s Emergency Plan for Aids Relief verteilt sogar 15 Milliarden Dollar über fünf Jahre auf 16 Länder.
In den vergangenen Monaten wurde Bill Gates als Held gefeiert und das neue Engagement kräftig umjubelt. Doch der Geldsegen schafft auch Probleme. Mit wenig Mitteln ließ sich zwar nicht viel ausrichten, dafür erwartete aber auch niemand große Erfolge. Die jetzigen Summen jedoch können ganze Gesundheitssysteme kurieren, im schlimmsten Fall aber auch ruinieren.
In Ruanda zum Beispiel übertreffen die Mittel aus den Hilfsfonds bereits das gesamte einheimische Gesundheitsbudget. Dabei komme es zu einer »starken Fehlverteilung der Ressourcen«, klagt ein ruandischer Regierungsbericht. Denn die ausländischen Geldgeber haben vor allem die Bekämpfung von Aids im Blick. Dafür spendeten sie Ruanda, das eine HIV-Infektionsrate von 3% hat, 47 Millionen Dollar im Jahr. Kindersterblichkeit ist jedoch ein viel größeres Problem. 20% der Kinder erreichen nicht das fünfte Lebensjahr. Dafür stehen dem Land bloß eine Million Dollar pro Jahr zu Verfügung. Daher stellt sich drängend die Frage: Wie sieht eine wirksame und gerechte Gesundheitshilfe aus?
Bisher zählte häufig allein der gute Wille oder der angenommene Nutzen. Doch nun wollen viele Experten genauer wissen: Welche Folgen haben massive Interventionen in fragilen Gesundheitssystemen? Wie nachhaltig sind die groß angekündigten Hilfsversprechen? Und wer trägt eigentlich die Verantwortung, wenn ausländische Großprojekte scheitern?
Die Harvard University im amerikanischen Cambridge scheint der beste Platz zu sein, um solche Fragen zu beantworten, da es dort die meisten Entwicklungsforscher gibt, die gute Verbindungen zu Weltorganisationen und Regierungen haben.
Viele Experten, wie zum Beispiel Jeffrey Sachs, John Ruggie und Christopher Murray, könnten ein neues Zeitalter der Weltgesundheitshilfe einläuten, das über die bisher übliche Katastrophenhilfe und großzügige karitative Gesten hinausgeht. Und genau dafür will Jim Kim kämpfen.
Jim Kim hat mit seinem Studienfreund Paul Farmer höchst erfolgreiche Projekte initiiert. Vor über 25 Jahren gingen Kim und Farmer in eines der ärmsten Gebiete Haitis, um dort Patienten mit extrem resistenter Tuberkulose zu behandeln. Sie schafften es ebenfalls, den Preis der Medikamente um 98% zu senken, und das Besondere war, so sagt Jim, dass es ziemlich einfach war.

Victoria Dlugopolski