Artenreiche Finsternis

Das  größte irdische Ökosystem wirkt auf den ersten Blick wie ein schauderhaftes Totenreich, beherrscht von ewiger Finsternis und Kälte. Sauerstoff ist hier Mangelware und auf allem liegt ein gewaltiger Druck. Nahrung gibt es hier kaum, und wenn, dann besteht es aus Abfall, Aas und Kot. Dennoch besiedelt eine Fülle von Lebewesen diesen Riesenraum, dessen laufende Erforschung mehr Überraschungen bietet als eine Expedition zum Mond. Willkommen in der Tiefsee!

Jahrtausendelang galt der Abgrund der Meere als Hort von Ungeheuern, die ins Wasser gefallene Seemänner verschlingen. Noch vor rund 150 Jahren behaupteten Biologen, unterhalb von 600 Metern existiere keine Lebensform mehr. Diese Theorie wurde bald widerlegt. Aber erst seit kurzem wissen die Meeresforscher, dass dort unten nicht nur einige tausend Arten ein karges Dasein fristen, sondern dass dieser lichtlose Lebensraum eine gigantische Artenfülle beherbergt, die jene tropischer Regenwälder oder Korallenriffe weit in den Schatten stellt. Durch die Fachliteratur geistern inzwischen schon 10 bis 20 Millionen Arten, die nur auf ihre Entdeckung warten. Forscher finden neue Arten rascher als sie diese benennen können. Neue Wesen bergen und entdecken - das geht dank moderner Fang-, Greif- und Robotertechnik vergleichsweise rasch , doch immer mehr Lebewesen warten darauf entdeckt zu werden. Und es ist praktisch unmöglich, alle diese verborgenen Arten ausfindig zu machen. Sie alle bleiben ein Geheimnis der Natur.

Ricarda Roth